Zusammenfassung
Die reaktive Arthritis ist eine entzündliche Zweiterkrankung der Gelenke wenige Tage bis mehrere Wochen nach meist bakterieller Erkrankung des Magendarmtraktes oder der Harnröhre. Die Erreger sind in der Gelenkflüssigkeit jedoch nicht zu finden. Meist sind nur wenige Gelenke der unteren Extremität betroffen. Kommen eine Entzündung der Konjunktiven oder Uvea und der Harnröhre hinzu, wird auch vom urethro‐okulo‐synovialen Syndrom gesprochen (früher: „Reiter-Syndrom“). In den meisten Fällen heilt die Erkrankung spontan aus.
Epidemiologie
Ätiologie
- Nach urogenitaler Infektion
- Häufige Erreger: Bspw. Chlamydia trachomatis
- Seltene Erreger: Bspw. Gonokokken, Ureaplasma urealyticum, Mycoplasma genitalium
- Nach gastrointestinaler Infektion
- Häufige Erreger: Bspw. Yersinien, Shigellen, Salmonellen, Campylobacter
- Seltene Erreger: Bspw. Clostridioides difficile, E. coli
- Sonderform: Poststreptokokken-reaktive Arthritis (PSrA) [3]
Symptomatik
- Latenz: Symptome wenige Tage bis 6 Wochen nach urogenitaler oder gastrointestinaler Infektion
- Leitsymptome
- Arthritis: Oft asymmetrische, ggf. wandernde Oligoarthritis der unteren Extremität (insb. Kniegelenk)
- Urogenitale Entzündung: Urethritis, Zervizitis, Adnexitis, Zystitis und/oder Prostatitis
- Konjunktivitis und/oder Uveitis anterior
- Psoriasiforme Hautveränderungen (Balanitis circinata, Keratoderma blennorrhagicum), Aphthen
- Mögliche Begleitsymptome
- Fieber
- Sakroiliitis, Daktylitis und Enthesitis (insb. Achilles-Enthesitis, siehe auch: Seronegative Spondylarthritis)
Can't see, can't pee, can't climb a tree.
Diagnostik
- Primär klinische Diagnosestellung
- Labordiagnostik
- BSG und CRP↑
- Assoziation zu HLA-B27
- Stuhlkultur, Urinkultur, Urethralabstrich zur Erregerdiagnostik
- Bei Arthritis und intraartikulärem Erguss: Gelenkpunktion erwägen (siehe auch: Synovialanalyse)
Differenzialdiagnosen
- Spondylarthropathie (z.B. ankylosierende Spondylitis, Psoriasisarthritis, enteropathische Arthritis)
- Septische Arthritis
- Kristallarthropathien (z.B. Gicht, Chondrokalzinose)
- Disseminierte Gonokokkeninfektion
- Akutes rheumatisches Fieber
- Erkrankungen mit gemeinsamem Auftreten von Diarrhö und Arthritis
- Virale Infektionen (z.B. HIV, HBV/HCV, Parvovirus B19, Denguevirus)
AMBOSS erhebt für die hier aufgeführten Differenzialdiagnosen keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Therapie
- Antiinfektive Therapie (falls notwendig)
- Siehe: Therapie von Durchfallerkrankungen
- Siehe: Therapie der Urethritis
- Symptomatische Therapie (häufig ausreichend)
- NSAR
- Ggf. Kryotherapie der betroffenen Gelenke
- Antiinflammatorische Therapie
- Indikationen
- Uveitis anterior
- Fehlendes Ansprechen auf oder Kontraindikationen für NSAR
- Hochakuter oder chronisch-refraktärer Verlauf
- Substanzen
- Glucocorticoide (lokal oder intraartikulär, bei schwerem Verlauf ggf. systemisch)
- DMARD (Off-Label Use): Sulfasalazin, Methotrexat, ggf. Anti-TNFα-Antikörper
- Indikationen
Systemische Glucocorticoide sollten bei reaktiver Arthritis nur kurzfristig eingesetzt werden!
Prognose
- In etwa 80% der Fälle selbstlimitierender Verlauf innerhalb eines Jahres
-
Übergang in chronische Spondylarthritis möglich (in bis zu 25% der Fälle)
- Risikofaktoren: Positive Familienanamnese für Spondylarthritis, CED
- Erhöhtes Risiko für schweren Verlauf bei positivem HLA-B27 und/oder Z.n. Chlamydieninfektion
Geschichte der Namensgebung
Der Namensgeber des früher verwendeten Begriffs „Reiter-Syndrom“, der deutsche Bakteriologe und Hygieniker Hans Reiter (1881–1969), war während der Zeit des Nationalsozialismus u.a. Präsident des Reichsgesundheitsamts (1933–1945) und Mitglied des Sachverständigenbeirats für Bevölkerungs- und Rassenpolitik im Reichsinnenministerium. Er war bspw. an der Planung von Typhusexperimenten an Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald beteiligt [4][5]. Die Bezeichnungen „Morbus Reiter“ bzw. „Reiter-Syndrom“ werden deshalb in AMBOSS nicht mehr verwendet.
Kodierung nach ICD-10-GM Version 2025
- M02.-: Reaktive Arthritiden
- Exklusive: Behçet-Krankheit (M35.2), Rheumatisches Fieber (I00)
- M02.0-: Arthritis nach intestinalem Bypass [0–9]
- M02.1-: Postenteritische Arthritis [0–9]
- M02.2-: Arthritis nach Impfung [0–9]
- M02.3-: Reiter-Krankheit [0–9]
- M02.8-: Sonstige reaktive Arthritiden [0–9]
- M02.9-: Reaktive Arthritis, nicht näher bezeichnet [0–9]
- M03.-*: Postinfektiöse und reaktive Arthritiden bei anderenorts klassifizierten Krankheiten
- Exklusive: Direkte Gelenkinfektion bei anderenorts klassifizierten infektiösen und parasitären Krankheiten (M01.-*)
- M03.0-*: Arthritis nach Meningokokkeninfektion (A39.8†) [0–9]
- Exklusive: Arthritis durch Meningokokken (M01.0-*)
- M03.1-*: Postinfektiöse Arthritis bei Syphilis [0–9]
- Clutton-Syndrom (A50.5†)
- Exklusive: Charcot-Arthropathie oder tabische Arthropathie (M14.6-*)
- M03.2-*: Sonstige postinfektiöse Arthritiden bei anderenorts klassifizierten Krankheiten [0–9]
- Postinfektiöse Arthritis bei: Enteritis durch Yersinia enterocolitica (A04.6†), Virushepatitis (B15–B19†)
- Exklusive: Virale Arthritiden (M01.4-*, M01.5-*)
- M03.6-*: Reaktive Arthritis bei sonstigen anderenorts klassifizierten Krankheiten [0–9]
- Arthritis bei infektiöser Endokarditis (I33.0†)
Lokalisation der Muskel-Skelett-Beteiligung
- 0 Mehrere Lokalisationen
- 1 Schulterregion
- 2 Oberarm
- 3 Unterarm
- 4 Hand
- 5 Beckenregion und Oberschenkel
- 6 Unterschenkel
- 7 Knöchel und Fuß
- 8 Sonstige
- 9 Nicht näher bezeichnete Lokalisation
Quelle: In Anlehnung an die ICD-10-GM Version 2025, BfArM.